© 2019 HEIDI PFOHL I PHOTOGRAPHY & MEDIA ARTIST

Unter den hohen Bäumen

(Enquête Psychiatrie)

2014

 

Fotofilm für 80 Farbdias

sowie 4 C-Prints

je 30 x 45 cm

Ein Sprichwort des Kempenlandes besagt: "Halb Geel ist ganz verrückt, und ganz Geel ist halb verrückt.“ Unter den hohen Bäumen (Enquête Psychiatrie) zeigt das fotografische Portrait eines belgischen Dorfes, indem schon seit dem 13. Jahrhundert überwiegend psychisch Kranke leben. In der Dokumentation des heutigen Ortes werden die mythologischen Ursprünge des Glaubens an eine Heilung vom Wahnsinn und die Entstehung des Geeler Systems der Familienpflege untersucht.

 

Die Geschichte der traditionellen Familienpflege in Geel geht zurück auf die Volkslegende der heiligen Dymphna: Im 6. Jahrhundert soll sich ein irischer König nach dem Tod seiner bildhübschen Gemahlin in seine eigene Tochter verliebt haben und versucht haben, sie zu ehelichen. Um dem inzestuösen Begehren ihres Vaters zu entgehen, flüchtete das Mädchen nach Flandern. Als sie schließlich in der Nähe von Geel aufgegriffen wurde, ließ sie sich lieber von ihrem Vater enthaupten, anstatt auf seine Forderung einzugehen.

Dymphna wurde Schutzpatronin der psychisch Kranken, da sie sich ihrem wahnsinnigen Vater durch ihren Heldentod widersetzte und damit den bösen Geist des Wahnsinns überwunden hatte. Seit 1250 pilgerten psychisch Kranke nach Geel, um sie um Heilung zu bitten. Die Pilger wurden zunächst in den Krankenzimmern der St. Dimpnakerk untergebracht, doch durch den ab dem 17. Jahrhundert anwachsenden Zulauf wurden schließlich die Anwohner Geels veranlasst, die Pilger gegen ein Entgelt zu beherbergen. So entstand das System der Kostgänger und Kostgeber: Die psychisch Kranken wurden in „normalen“ Familien aufgenommen, nahmen dort am täglichen Leben teil und gingen bei ihren Kostgebern einer Arbeit nach.

 

Bis ins 19. Jahrhundert glich die Behandlung psychisch Kranker eher eine Misshandlung und die Anstalten ähnelten Gefängnissen. So sehr man sich auch bemühte, das Milieu im 20. Jahrhundert zu normalisieren, eine Anstalt blieb immer eine Anstalt. In Geel hingegen lebten die psychisch Kranken in Familien, nahmen am Dorfleben teil und gingen einer Arbeit bei den Kostgebern nach. So wurde Geel zum Vorbild für Nächstenliebe und Humanität.

 

1862 wurde schließlich ein psychiatrisches Krankenhaus gegründet, die sogenannte Reichskolonie. “Unter den hohen Bäumen“ ist ein Geeler Euphemismus für die Reichskolonie, die an einer Allee mit hohen Bäumen angesiedelt war.

 

Der Fotofilm für 80 Farbdias wird installativ begleitet von vier Fotografien, die historische Orte Geels zeigen: Die St.Dimpnakerk und den dazugehörigen Friedhof, sowie das heutige Gasthuismuseum in der alten Psychiatrie.

 

Ausstellungsansicht:

Eden was never so close, Art Cologne 2014, 10.-13.04.2014

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