© 2019 HEIDI PFOHL I PHOTOGRAPHY & MEDIA ARTIST

Folie à deux

2013

 

C-Print/Diasec

120 x 95 cm

Ein vermeintlich normales Kinderzimmer. Auf den ersten Blick unordentlich und vollgestopft, entpuppt es sich als Quelle unzähliger Phantasiebilder, vermeintlich normal und unscheinbar, die jedoch bis zu halluzinogenen Wahnvorstellungen und Verhaltensstörungen reichen. Das Heimelige, das Kinderzimmer im behüteten elterlichen Umfeld, wird zum Heimlichen, dem Verborgenen, Verdrängten, Geheimen und damit schliesslich zum Unheimlichen. Der geschützte Raum des Kinderzimmers wird zur Bedrohung. Wahn stellt die Realität dar, Halluzination liefert nur die Möglichkeit der Realität, gleichzeitig jedoch die Option der Einbildung - Phantasie wird als krank bezeichnet, wenn Leid und Bedrohung im Spiel sind. Die Außenwelt dringt in den vermeintlich behüteten Innenraum, der sich selbst jedoch schließlich als unbehüteter Ort entpuppt, da die Phantasien die Normalität eines solchen Raumes überwiegen. Das Unheimliche entsteht aus der Verwandlung von Vertrautem ins Unvertraute. Stimmungen sind nicht nur in der Psyche des Subjekts lokalisiert, vielmehr haben Räume eigene Funktionen, die diese erzeugen. Das heimelige Kinderzimmer wendet sich gegen das Kind - durch Verengung, Drehung der Oben-Unten-Verhältnisse, Schatten, Traumvorstellungen, Stille, Dunkelheit, Lichtquellen die es gar nicht gibt, Phantasiebilder - und macht aus seinem lebendigen, lauten, fröhlichen Dasein einen stillen, unheimlichen, ver-rückten und nicht greifbaren Ort.

 

Die Arbeit zeigt einen inszenierten Raum, der nur für seine fotografische Abbildung entstanden ist. Ähnlich flüchtig, wie sich Wahnvorstellungen oder Halluzinationen zeigen, bildet sich der Raum auf der Fotografie ab und verschwindet danach. In der Psychopathologie steht der Begriff „Folie à deux“ für das Miterleben von Wahnvorstellungen und die Übernahme von wahnhaften Überzeugungen eines geisteskranken Patienten durch eine andere, geisteskranke oder geistesgesunde, und dem Patienten nahe stehende Person (induziertes Irresein).

 

Folie à deux (2013) ist Teil der Diplomarbeit an der Kunsthochschule für Medien Köln gewesen. Gemeinsam mit der Arbeit Lieu/Espace (2013) beschreiben die beiden Arbeiten die Auseinandersetzung mit dem Wahnsinn und der Zuspitzung von Realität am Modell emotionaler Räume. Den beiden Arbeiten ging eine umfangreiche Recherche auf verschiedenen Ebenen voraus. Einerseits durch die Aufarbeitung historischer Hintergründe der Psychopathologie und der Institution Psychiatrie, und andererseits auf der Ebene der Erforschung und Hinterfragung von räumlichen Zusammenhängen von Wahnsinn und Mensch (siehe auch Heidi Pfohl: Von Geistersehern und Geistermachern - Fotografische Darstellungen des Wahnsinns in den Psychiatrien um die Jahrhundertwende, Diplomarbeit, Kunsthochschule für Medien Köln, 2013).

 

 

Ausstellungsansichten:

La Folie à deux, Sprungturm Köln, 07.-09.02.2014

Rundgang 2014, Jahresausstellung der Kunsthochschule für Medien Köln, 17.-20.07.2014

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